Frauenrechte in Zeiten von Corona

Homeoffice-Talk mit Susanne von Bassewitz, Präsidentin Zonta International und Zonta International Foundation

Seit zwei Jahren steht die Düsseldorfer Kommunikationsmanagerin Susanne von Bassewitz als erste deutsche Präsidentin an der Spitze des weltweiten Netzwerkes Zonta International. Ihr Engagement für Frauenrechte gilt ganz besonders der Beendigung der Kinderehe. Dabei kommt es ihr vor allem darauf an, Frauen und Mädchen weltweit durch Zugang zu Bildung und freie Berufswahl dabei zu unterstützen, selbstbestimmt ihr Leben zu gestalten. Letztes Jahr ist sie dafür fast ein halbes Jahr um den Globus gereist. Jetzt haben wir uns via Zoom in ihrem Homeoffice getroffen.

Susanne von Bassewitz, Zonta International Präsidentin (2018 – 2020)  | Foto © Zonta International

Homeoffice-Redaktion: Liebe Susanne, wie toll, dass Du Dir die Zeit nimmst für unsere neue Gesprächsreihe.

Susanne von Bassewitz: Sehr gerne. Ich bin froh, dass das gleich geklappt hat. Heute Nachmittag hatte ich eine Zoomkonferenz mit UN Women in Jordanien und bin erst einmal ewig nicht reingekommen, sondern hing in der Warteschleife.

Homeoffice-Redaktion: Ach herrje, die Situation kenne ich. Mit den neuen Videoformaten müssen wir ja auch alle erst noch üben. Wie erlebst Du das zurzeit, wie verändert die Pandemie gerade Deinen Arbeitsalltag?

Susanne von Bassewitz: Mein Arbeitsalltag findet ja, wenn ich nicht auf Reisen oder im Headquarter bin, sowieso an meinem Arbeitsplatz zuhause in Düsseldorf statt. Was jetzt natürlich entfällt, sind die vielen Termine, zu denen ich sonst hingehe. Aber davon abgesehen komme ich, wie sonst auch, oft per E-Mail, Zoom, GoToMeeting, Skype und Telefon mit Zontians und anderen frauenbewegten Menschen zum Gespräch zusammen. So wie jetzt mit Dir. Auch mein Austausch mit unseren Projektpartnern findet meistens über elektronische Medien statt. Die Arbeit ist durch Corona mehr geworden. Aber grundsätzlich ist das nichts Neues für mich.

Homeoffice-Redaktion: In Sachen elektronische Kommunikation bist Du demnach gut trainiert. Für viele Clubs ist das noch Neuland, auf das sie sich erst einmal einstellen müssen. Wie nimmst Du das wahr? Können die Clubs inzwischen auch „digital“?

Susanne von Bassewitz: Ich glaube, ja! Was ich so höre, läuft dies unheimlich gut. Ich erfuhr gerade von meiner Vorgängerin im Amt, Sonja Hönig Schough aus Schweden, dass sie dort ihr erstes Area Meeting mit Zoom veranstaltet haben, was wohl phantastisch geklappt hat. Viele Zonta Meetings haben bereits auf diese Weise stattgefunden. Ich beobachte gerade, dass Zontians überall ungeheuer kreativ sind, um ihre Kontakte, ihr Engagement und auch ihre Clubarbeit aufrecht zu erhalten. Das finde ich großartig.

„Wir waren technisch gut vorbereitet.“

Homeoffice-Redaktion: Wie ergeht es den Kolleginnen im Headquarters in Illinois? Wie sind sie betroffen? Wie müssen wir uns die Arbeit dort vorstellen?

Susanne von Bassewitz: Illinois hat einen Lockdown, so ähnlich wie wir hier. Man darf nur Lebensmittel einkaufen und zum Arzt gehen. Man kommt aber auch noch in das Gebäude, in dem sich unser Büro befindet und kann dort beispielsweise die Post entgegennehmen. Das geht und passiert auch. Ansonsten arbeiten unsere Kollegen dort von zuhause. Das funktioniert ganz gut. Ich muss allerdings dazu sagen, dass wir glücklicherweise technisch darauf vorbereitet waren. Wir haben erst im vergangen Jahr unsere ganze Infrastruktur erneuert und beispielsweise neue Laptops für unsere Mitarbeiter angeschafft. Das zahlt sich jetzt aus.

Homeoffice-Redaktion: Trotzdem ist das vermutlich eine große Umstellung?

Susanne von Bassewitz: Ja, das stimmt. Wir müssen uns natürlich ganz anders organisieren. Das ist nicht immer leicht. Wir haben Mitarbeiter mit kleinen Kindern, die nicht in der Tagesbetreuung sind. Und wenn ich mit Megan, unserer Assistant Executive Director, telefoniere, dann kommt natürlich schon mal der kleine Sohn und will auch auf die Tasten hauen. Wir haben zweimal wöchentlich Teammeetings. Und jede schreibt jetzt jeden Tag in die Runde, was sie gemacht hat. Das sind die täglichen Checkpunkte, um bei allen Schwierigkeiten auch in unserem Headquarters im engen Austausch zu bleiben und zu sehen, dass wir das, was wir uns vorgenommen haben, auch erreichen.

„Wir stehen alle erst am Anfang.“

Homeoffice-Redaktion: Vor wenigen Wochen musstest Du als erste Präsidentin in der Geschichte von Zonta nach dem zweiten Weltkrieg eine Convention absagen. Der Lockdown hat sicher enorme Konsequenzen für die gesamte Arbeit in unserem weltweiten Netzwerk. Wie beobachtet Ihr das im Headquarter, und was unternehmt Ihr, um die Auswirkungen für die einzelnen Clubs und für unsere Arbeit abmildern zu können?

Susanne von Bassewitz: Das ist im Moment noch schwer zu sagen. Wir stehen ja alle erst am Anfang dieser Situation. Was wir aber jetzt schon machen, ist genau hinzuhören, was für Bedürfnisse es gibt, wo Probleme auftauchen. Wir sind aktuell zum Beispiel von einigen Clubs gefragt worden, ob wir ihnen nicht bei den Zahlungen der Mitgliedsbeiträge entgegenkommen könnten. Es gibt zwei Länder, in denen die Clubs derzeit Schwierigkeiten haben, Überweisungen ins Ausland zu tätigen. Eines ist Bangladesh. Das mag demnächst auch noch andere Länder betreffen. Die Mitgliederbeiträge müssen zum 1. Juni eingehen. Und da überlegen wir jetzt, wie wir hier als Zonta International helfen können. Darüber werden wir Ende dieser Woche entscheiden. (Inzwischen haben alle Clubs eine E-Mail erhalten, in der die beschlossenen Erleichterungen beschrieben sind, Anm. der Red.)

Homeoffice-Redaktion: Lassen sich in solchen Fällen Mitgliedsbeiträge stunden, reduzieren oder sogar ganz erlassen?

Susanne von Bassewitz: Sie ganz zu erlassen wäre eine heikle Sache, weil wir für unser operatives Geschäft, unsere Mitarbeiter, unsere Website, die gesamte Administration, die wir betreiben, dringend auf die Mitgliederbeiträge angewiesen sind. Da können wir nicht sagen „Okay, dann zahlt ihr mal nicht“. Das geht so einfach nicht. Und auch mit dem Geld der Foundation möchten wir weiterhin Gutes tun und beispielsweise junge Frauen unterstützen auf ihrem Weg in ein gutes Leben und in eine gute berufliche Karriere. Bei unseren internationalen Projekten wollen wir natürlich ebenfalls Fortschritte machen. Und wir haben schon jetzt feststellen müssen, dass die Spendenbeiträge im März niedriger ausgefallen sind als in den Vorjahren. Normalerweise ziehen die Spendenaktivitäten gegen Ende des Bienniums noch einmal an. Es finden die Mitgliederversammlungen der Clubs statt, es gibt Area Meetings, und oft wird dabei noch einmal Geld gesammelt. Es ist noch ein bisschen früh für eine genaue Einschätzung, aber wir haben, denke ich, jetzt schon erste Auswirkungen gesehen.

„Wir müssen in diesen Zeiten kreativ werden.“

Homeoffice-Redaktion: Wie wirkt sich die Finanzsituation aus, auch nach der Absage der Convention? Was können wir tun, um unsere Arbeit abzusichern?

Susanne von Bassewitz: Zu einer guten Geschäftsführung gehört, dass wir jetzt Szenarien entwickeln dafür, was wir tun, wenn weniger Geld reinkommt, als wir uns vorgestellt haben. Die Absage der Convention können wir verkraften. Zonta geht dadurch nicht „den Bach herunter“. Aber die Situation ist alles andere als komfortabel. Wie alle anderen Organisationen auch, müssen wir gucken, wie es in Zukunft auch finanziell weitergeht. Und eine Antwort darauf muss sein, dass wir weiter klug wirtschaften. Zugleich müssen wir aber vor allem eines tun: Wir müssen allesamt in unseren Clubs und auch über die Clubgrenzen hinweg den Wert von Zonta für uns und den Wert von Zonta für die Gesellschaft noch einmal ganz deutlich bewusstmachen. Ich glaube, wir sind jetzt gefragter als je zuvor. Wir haben gerade in diesen Zeiten eine ganz große Aufgabe. Und ich hoffe, dass alle Zontians das so sehen und begreifen und dass bei allem, was die Krise an Schrecklichem mit sich bringt, gesundheitlich, für die Familien, sozial, psychisch und am Ende auch wirtschaftlich, dass letztendlich doch ein Positives dabei sein wird – dass wir uns umso klarer vor Augen führen, warum wir eigentlich hier sind, und dass uns das hoffentlich auch stärkt.

Homeoffice-Redaktion: Vielen Clubs in Deutschland sind bereits massiv Spendeneinnahmen weggebrochen, weil wichtige Veranstaltungen abgesagt werden mussten. Von daher sind wir jetzt alle gefordert, neue Wege zu finden, den Wert unserer Arbeit deutlich zu vermitteln. Das ist sicher ganz wesentlich eine Frage auch der Kommunikation etwa auch über neue digitale Kanäle. Siehst Du da Möglichkeiten, beispielsweise über eine Digitalkampagne gegenzusteuern? Sind das auch Überlegungen, die ihr im Headquarter und im Board anstellt?

Susanne von Bassewitz: Ja, auf jeden Fall! Wir müssen in diesen Zeiten kreativ werden. Nicht, dass wir das nicht längst wären. Aber ich glaube – wie einen die Not ja immer zwingt, doch noch einmal ganz besonders angestrengt darüber nachzudenken, was alles geht: Letztendlich muss jetzt jeder Club, muss jedes Land, muss jede Region, in der wir Zonta haben, Antworten finden, die vor Ort jeweils angemessen sind und die dort das Beste bewirken können. Wir verfolgen alle dieselben frauenpolitischen Ziele, aber das ist natürlich überall mit anderen Aufgabenstellungen und Herausforderungen verbunden.

„Das Radio erlebt eine Renaissance.“

Homeoffice-Redaktion: Zonta International unterstützt in zwölf besonders betroffenen Ländern große Projekte von Unicef und UNFPA zum Schutz der Mädchen und Jungen vor Kinderehe. Wie sieht es da aus vor Ort? Wisst Ihr etwas darüber, wie die Arbeit dort momentan weitergeht?

Susanne von Bassewitz: Wir stehen natürlich im ständigen Kontakt mit unseren Partnern vor Ort. Derzeit habe ich wöchentlich mindestens eine Konferenz, in der wir uns gemeinsam zur aktuellen Situation beratschlagen. Die Pandemie trifft unser Ending Child Marriage Programm sehr hart. Die Arbeit vor Ort in Äthiopien, in Bangladesh, in Sambia, in Ghana und allen anderen Ländern, findet ja im unmittelbaren Kontakt miteinander statt. Da kommen Jungen und Mädchen in Dialoggruppen zusammen, in denen sie gemeinsam lernen, in denen sie sich Lebenskompetenzen aneignen, über Pläne für die Zukunft sprechen, auch aufgeklärt werden über Empfängnisverhütung. Der persönliche Austausch mit den Dorfältesten, mit den Lehrern und mit den Eltern ist dafür ebenfalls ganz wichtig. All das ist jetzt erschwert und zum Teil auch gar nicht mehr möglich.

Homeoffice-Redaktion: Wie geht Ihr damit um? Gibt es schon Ideen?

Susanne von Bassewitz: Es sind Ideen da. Teile unserer Arbeit sind ja auch medial vermittelt. Und was gerade vielerorts passiert ist, dass das Radio eine Renaissance erlebt. Das Radio wird jetzt als ein noch wichtigeres Instrument angesehen, als es das ohnehin schon war, weil der Radioempfang oft noch da ist, wenn es schwierig ist, Zugang zum Internet zu bekommen. Und die Erreichbarkeit der Menschen durch Rundfunk ist in vielen Ländern immer noch größer als durch das Web. Über Radioprogramme Diskussionen zu entfachen, Aufmerksamkeit zu erregen, zu informieren, Rollenmodelle vorzustellen – das könnte ein ganz großer Akzent werden, von dem ich mir auch ausrechne, dass er Erfolg verspricht. Es mag also sein, dass wir unsere Maßnahmen für diese Zeit, in der kaum persönlicher Dialog stattfinden kann, ein wenig umschichten können.

„Das wird sonst nicht mehr aufzuholen sein.“

Homeoffice-Redaktion: Wie reagiert die Politik in diesen Ländern auf die Corona-Krise? Was bedeutet das langfristig für die Projekte und die Advocacy Arbeit?

Susanne von Bassewitz: Dazu muss ich vorausschicken: Vielen Ländern, in denen wir tätig sind, geht es finanziell nicht gut. Wir können uns alle ausmalen, was die Auswirkungen von COVID- 19 dort noch bedeuten werden. Das wird nicht besser, sondern viele Bedingungen verschärfen sich, natürlich gerade auch für Frauen und für Mädchen. Unsere Partner vor Ort unterhalten sehr gute Beziehungen zu den Regierungen und zu anderen Organisationen, die sich um Kinder, um Jugendliche und um Frauen kümmern. Und da ist es ganz entscheidend, dass die sich jetzt noch stärker vernetzen und mit den Regierungen arbeiten und dafür sorgen, dass den Projekten jetzt nicht auch noch Gelder entzogen werden, weil sie im Moment vermeintlich dringender woanders gebraucht werden. Gerade diese Advocacy Arbeit ist jetzt immens wichtig. Da dran zu bleiben und in den Projekten nicht zurückzufallen, darauf kommt es jetzt an. Das wird sonst überhaupt nicht mehr aufzuholen sein. Wenn die Kinder beispielsweise gar nicht mehr in die Schule gehen können, weil ihre Eltern jetzt vielleicht noch weniger einsehen, dass sie doch besser etwas lernen, um die Situation der Familien zu verbessern, wenn all die wertvolle Arbeit jetzt abgebrochen würde, das wäre in den Auswirkungen für diese Länder katastrophal.

Homeoffice-Redaktion: Vor Ort wichtig sind jetzt sicher auch das Abstandhalten und das Einhalten wichtiger Hygienemaßnahmen. Das stelle ich mir in vielen Regionen als sehr schwierig vor. Wie sieht es damit aus? Ist das auch ein Thema?

Susanne von Bassewitz: Unbedingt. Und da bietet zum Beispiel auch das Radio eine Möglichkeit, breit zu informieren und darüber aufzuklären, wie man sich vor Corona schützen kann. Aber es muss natürlich noch viel mehr passieren. In Jordanien etwa, wo wir das Projekt Eid bi Eid der UN Women unterstützen, geht es jetzt auch darum, die Zentren für Frauen in und außerhalb der Geflüchtetencamps mit Hygienemitteln, mit Masken und Händedesinfektion auszustatten, damit sich die Frauen weiterhin dorthin trauen und jetzt nicht auch noch Angst vor einer Ansteckung haben müssen, wenn sie Rat und Hilfe brauchen. Wir müssen die Frauen, die auch dort die Hauptlast in der Sorge- und Pflegearbeit tragen, zudem dringend dabei unterstützen, sich und ihre Familien zu schützen. Da sind wir dran. Ich hatte gerade ein Gespräch mit unseren Partnern in Amman, die momentan in intensiven Gesprächen mit der Regierung dafür sorgen, breit zu informieren und Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen, damit die Zentren ihre Arbeit fortsetzen können. In Jordanien fördern wir zudem ja gezielt Frauen in ihrer Berufstätigkeit. Viele haben sich inzwischen kleine Gewerbe aufgebaut, die ihre Familien ernähren. Und all das, was sie gerade mit einem schönen Erfolg begonnen haben, ist erst einmal gestoppt. Hier überlegen sich unsere Partner bei UN Women gerade, wie sie dabei helfen können, dass sich die Frauen in den kommenden drei Monaten über Wasser halten können. Die Pandemie bringt hier ja im Grunde dieselben Probleme mit sich wie bei uns, nur unter viel verschärfteren Bedingungen.

„Unsere Erfolge dürfen wir nicht verspielen.“

Homeoffice-Redaktion: Ungünstig wirkt sich sicherlich auch aus, dass alle wichtigen internationalen frauenpolitischen Konferenzen abgesagt werden mussten. Das begann mit dem CSW64 in New York, das ging weiter mit den Frauenkonferenzen in Mexico und in Paris. Und in Deutschland haben wir die EU-Ratspräsidentschaft vor der Brust, die sich eigentlich auf die Fahnen geschrieben hatte, die weltweit gesteckten frauenpolitischen Ziele der Agenda 2030 weiter voranzutreiben. Jetzt wird sie sich vor allem mit den wirtschaftlichen Konsequenzen von Corona auseinandersetzen müssen. Wie ist Deine Einschätzung dazu? Wie geht es da jetzt weiter mit den wichtigen frauenpolitischen Zielen? Was können wir auf internationaler, regionaler, aber auch auf lokaler Ebene tun, und was geschieht da vielleicht auch schon?

Susanne von Bassewitz: Du hast da einen ganz wichtigen Punkt angesprochen. Denn unter dem wirtschaftlichen Druck kann es passieren, dass man jetzt sagt, diese ganzen Genderthemen haben überhaupt keine Priorität für uns. Vielleicht gibt man das nicht so offen zu, aber sicher meinen das einige. Das ist die Gefahr. Und da müssen wir die Stimme erheben und den Mund aufmachen und sagen: Das geht nicht! Die Erfolge, die wir in Richtung Gender Equality erzielt haben, sind ja ein integraler Bestandteil dafür, dass es einer Gesellschaft gut geht. Die dürfen wir jetzt nicht verspielen. Da sehe ich zwar durch die Krise auch neue Chancen, aber im Moment überwiegen wahrscheinlich eher die Gefahren. Hier müssen wir uns jetzt dringend zusammentun, Allianzen bilden, gemeinsam sagen, was wir für wichtig halten. Viele von uns haben Kontakte in Regierungen. Die müssen wir nutzen. Nicht nur durch den einen Brief an die Politiker, den dann alle unterschreiben, sondern auch lokal vor Ort, in dem wir beispielsweise direkt die Gleichstellungsbeauftragte ansprechen, den Bürgermeister. Wir müssen erstens zeigen: Wir sind da, wir wollen mit anpacken. Und zweitens müssen wir unseren Volksvertretern klarmachen, dass wir von ihnen erwarten, dass sie uns in diesen Zielen unterstützen.

Homeoffice-Redaktion: Viele Clubs in Deutschland treibt derzeit die Sorge um, dass in Zeiten des Lockdowns auch die häusliche Gewalt zunimmt. Einige sind dazu bereits mit den Beratungsstellen und Frauenhäusern vor Ort in Kontakt getreten. Die rechnen derzeit mit dem Schlimmsten. Die Zonta Union hat daraufhin im Namen aller deutschen Clubs einen Brief an die Bundesfamilienministerin geschickt mit der Aufforderung, gemeinsam mit ihren Länderkolleginnen und -kollegen auch in Deutschland die Maske 19 Aktion aus Frankreich und Spanien zu übernehmen und als Notrufsystem in den Apotheken zu etablieren. Könnten solche Aktionen auch in anderen Ländern funktionieren und nachgeahmt werden?

Susanne von Bassewitz: Ja, unbedingt! Ich bin begeistert, was hier innerhalb kürzester Zeit in Deutschland auf die Beine gestellt worden ist. Und ein anderes Beispiel: In den USA ist gerade eine große gemeinsame Billboard Kampagne von Zonta und Unicef gegen die Kinderehe angelaufen, mit Plakaten an allen Verkehrsknotenpunkten. Das hat jetzt nicht unmittelbar mit der Coronakrise zu tun, aber die Kampagne kommt dort sicher auch nicht zum unrechten Zeitpunkt.

„Corona verurteilt uns nicht zur Untätigkeit.“

Homeoffice-Redaktion: Der Begriff „Krise“ geht auf das altgriechische Substantiv krísis zurück, das wir mit „Meinung“, „Beurteilung“, „Entscheidung“ übersetzen. Das verweist auch auf die Chance, mögliche Fehlentwicklungen zu korrigieren. Gibt es für Dich eine Chance, auf die Du hier besonders hoffst?

Susanne von Bassewitz: In jedem Fall ist auch diese Krise eine Chance für uns, darüber nachzudenken, warum wir überhaupt da sind. Unser einhundertjähriges Jubiläum war ja bereits ein, wenn auch ungleich viel schönerer Anlass für viele Zontians, einmal zurückzuschauen, wie Zonta sich entwickelt hat und wie wir eigentlich entstanden sind. Was war das damals 1919 für eine Situation? Das war eine Krise. In der Zeit nach dem ersten Weltkrieg mit allen wirtschaftlichen Problemen, mit allen menschlichen Problemen wurde dennoch am Ende auch so vieles geschaffen, von dem wir heute zehren, auf das wir heute nicht nur stolz sind, sondern von dem wir große Vorteile gerade auch in der gegenwärtigen Krisenzeit haben. Der Völkerbund in Genf ist damals entstanden, gleichsam ein Vorläufer der UNO. Zonta ist entstanden, und viele weitere Organisationen, die etwas für Frieden in der Welt tun wollten, für Fortschritt und für Menschenrechte. Auch die Pandemiekrise wird sehr weitreichende Auswirkungen haben. Gerade Frauen schultern oft so viel mehr in einer solchen schwierigen Situation, als das Männer tun. Und wieder ist die Frage: Was können wir als Frauen heute zur Lösung vieler Probleme beitragen? Auch in aller Selbstbewusstheit. Darauf gemeinsam eine Antwort zu finden, darin sehe ich eine große Chance.

Homeoffice-Redaktion: Woran zum Beispiel denkst Du da?

Susanne von Bassewitz: Wir leben ja nicht isoliert in einer Welt. Die Umwelt ist global so stark gefährdet wie nie zuvor. Das ist nichts Neues. Und was machen wir jetzt? Wir treffen uns im Netz. Wir leben in einer Zeit, die alle Kommunikationsmöglichkeiten hat. Wir können miteinander sprechen, wir können uns dabei sehen. Insofern ist beispielsweise die stärkere Nutzung unserer elektronischen Medien eine große Chance auch in unserem internationalen Netzwerk viel voranzubringen. Wir können reden mit Frauen aus Neuseeland, mit Frauen aus Taiwan und gemeinsam wichtige Ziele vorantreiben. Ich denke, für viele sind da jetzt im positiven Sinne Dämme gebrochen. Und einige, die den elektronischen Medien vorher eher skeptisch gegenüberstanden, erfahren jetzt selbst, das klappt ja doch. Auch die schöne Aktion mit Maske 19 ist ja nicht zustande gekommen, weil sich ein paar Frauen physisch getroffen haben. Das wurde digital organisiert. Und ich darf auch jetzt schon verraten, dass wir gerade fieberhaft dabei sind, ein interessantes digitales Programm für den Sommer zu entwickeln. Für diese Zonta-Talks denken wir auch über Formate nach, bei denen wir einander sehen und begegnen können. Auch der durch COVID-19 verursachten Situation werden wir uns in einem Talk gesondert widmen. Corona verurteilt uns also nicht zur Untätigkeit.

Homeoffice-Redaktion: Liebe Susanne, wir danken Dir für das Gespräch!

Das Gespräch führte Karin Lange für die Union deutscher Zonta Clubs.